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Matthias Dörfer

"EIN SPIEL MIT DER KÖNIGIN"
Es gibt nur ein Gemeinsames: die nicht Wiederholbarkeit.




 

 

Presse

Erschienen: Märkische Oderzeitung 26. Oktober 2020, 06:30 Uhr Fürstenwalde
Von Jacqueline Westermann

Musiker Der Stegreif-Organist von Fürstenwalde
Matthias Dörfer will seine besondere Art Orgel zu spielen, bekannter machen und andere Musiker zur Nachahmung motivieren. Dabei gibt es einen gewaltigen Unterschied zur Improvisation.

Matthias Dörfer ist Stegreif-Organist. Seinen Recherchen nach der einzige, der öffentlich in Deutschland auftritt. Stegreif-Spielen ist nicht Improvisation - wenn er sich an das Instrument setzt, weiß er noch nicht, wohin die Reise geht. Hier spielt er in Fürstenwalde-Süd.© Foto: Jacqueline Westermann

Matthias Dörfer spielt nur in Socken. Während des Stegreif-Spiels rutscht er permanent auf der Orgelbank auf der Empore der Kirche in Fürstenwalde Süd hin und her, seine Füße „fliegen“ über die Pedale.© Foto: Jacqueline Westermann

Beim Stegreifspiel wählt Matthias Dörfer einen beliebigen Ton. Darauf baut er sein gesamtes Spiel auf. Hier in der Kirche in Fürstenwalde Süd spielt er auf zwei Manualen.© Foto: Jacqueline Westermann

Etwas noch einmal zu spielen, zu wiederholen – das sei ein absolutes Tabu. Wenn es um das Stegreif-Spiel geht, kennt Matthias Dörfer keine Gnade. „Man weiß davor nicht, was man spielen wird“, sagt er. Man setzt sich an ein Instrument, sucht sich einen Ton und umkreise ihn mit anderen Tönen, Akkorden, Rhythmen. So entsteht ein einmaliges Werk, das sich nie wiederholen lässt. Eigenen Recherchen nach ist Matthias Dörfer der einzige Stegreif-Organist in Deutschland, der mit dieser besonderen Art zu spielen, öffentlich auftritt.
Viele Berufsmusiker würden die Situation eines Verspielens vor Publikum scheuen, nennt Dörfer einen Grund. „Beim Stegreif-Spielen gehört das Verspielen aber dazu – daraus macht man etwas Neues, etwas Schönes“, erklärt der Organist, der in diesem Augenblick auf der Empore der Kirche in Fürstenwalde-Süd sitzt.

Trancegefühl, das die Seele auf die Hände überträgt

„Das ist eine sehr warme Orgel, die spiele ich sehr gerne“, sagt er und beginnt. Zunächst ertönen langsame, dunkle Töne. Jede Veränderung, jeder Tempowechsel, der dann folgt, überrascht. Doch wer nicht weiß, dass hier keine vorgegebene Melodie gespielt wird, merkt es nicht. Energisch trippeln Dörfers Füße in Socken über die Pedale, er rutscht auf der Orgelbank hin und her, spielt das obere Manuale, immer schneller und schneller. Harmonisch, voller Leidenschaft, und dennoch wirkt Dörfer durchgehend hochkonzentriert.
„Je länger man spielt, umso mehr gerät man in die Musik hinein. Das ist schon eine Art Trancegefühl“, sagt Dörfer, nachdem der letzte Ton aus den Orgelpfeifen verhallt ist. Manchmal spiele er stundenlang. „Es ist, als ob die Seele aus dem Kopf übertragen wird auf die Hände“, sagt der Musiker.

Per Mausklick zur Orgelauswahl

Der technische Fortschritt macht es ihm relativ leicht. Zu Hause steht die Orgel, auf der er am liebsten spielt. Es handelt sich um zwei Computer mit fünf Manualen und Pedalen sowie Software, die es Dörfer ermöglicht, verschiedene Orgeln in aller Welt zu spielen. Ein Mausklick und „die Orgel“ wird heruntergeladen.

Doch wie kam Matthias Dörfer überhaupt zum Stegreif-Spiel? Es ist 15 Jahre her, dass er sich nach einer längeren Pause wieder an eine Kirchenorgel setzte und darauf spielte. „Da habe ich das Stegreif-Spiel entdeckt“, sagt der Organist. „Ich wusste damals gar nicht, dass das so heißt. Ich dachte, das sei Improvisation.“ Doch dass Stegreif und Improvisation nicht das Gleiche sind, steht für Dörfer fest. Bei der Improvisation hat man ein bestehendes Werk vor sich, man spielt eine Abwandlung oder Erweiterung, erklärt er. Und beim Stegreif eben nicht. Für ihn sei Letzteres „die höchste Orgelkunst, die es gibt“, sagt Dörfer. Johann Sebastian Bach habe so gespielt.

Musik begleitet ihn seit jungen Jahren

Seit der Kindheit ist Matthias Dörfers Leben von Musik geprägt. Aufgewachsen in einem Pfarrhaus in Briesen bei Cottbus hatte er stets Zugang zu einer Orgel. Die Kirche stand direkt gegenüber des Elternhauses, manchmal saß der Junge dort bis in die Nacht an der Orgel und versank in den Melodien und Tönen ihrer Pfeifen. Am Konservatorium gesellten sich zu Klavier, Orgel und Flöte noch Fagott und Trompete. Heute ist Matthias Dörfer in Fürstenwalde zu Hause – und hat nur noch Augen für „die Königin der Instrumente“.

Für seine Konzerte nimmt er kein Geld

Bevor er sich vollends dem Stegreif-Spiel verschrieben hat, arbeitete der gelernte Heilerziehungspfleger knapp 25 Jahre lang mit Schwerstbehinderten, setzte sein musikalisches Können auch dort hin und wieder ein, bot Musiktherapie an. Doch nun liegt Dörfers ganzer Fokus auf dem Stegreif-Spiel. „Ich kann mich nicht mehr an Noten festhalten“, sagt er. Er wolle seine Kreativität nicht verlieren. Und sein Ziel sei es, dieses einem breiteren Publikum bekannt zu machen.
Dafür lässt Dörfer auf seiner Homepage 24 Stunden lang ein Orgelradio laufen, dass seine Variationen abspielt. Und er gibt Konzerte – aber nur in Kirchen. Da spiele seine Kindheit sicherlich eine Rolle, gibt er zu. „Kirchenmusik ist ein Geschenk Gottes, die er uns Menschen gegeben hat – dafür kann ich nichts verlangen“, erklärt er, warum der Eintritt zu seinen Konzerten frei ist. Und nach kurzem Innehalten wendet er sich erneut der Orgel zu und beginnt zu spielen – aus dem Stegreif.


Am 15. November um 16 Uhr spielt Matthias Dörfer in der Dorfkirche in Hoppegarten bei Müncheberg. Weitere Informationen gibt es hier.

Stegreif – von vielen fälschlicherweise „Stehgreif“ geschrieben – ist laut Gesellschaft für deutsche Sprache eine veraltete Bezeichnung für Steigbügel. Die Redensart „aus dem Stegreif“ bezieht sich somit auf „etwas vortragen, ohne vom Pferd zu steigen“ – auf die heutige Zeit übertragen bleibt nach wie vor die Bedeutung: etwas ohne Vorbereitung tun.

 

 

 




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Matthias Dörfer
15517 Fürstenwalde Spree
Email:
kirchenorgel-improvisator@online.de
Tel.: 
+49 3361 4917884



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